Das Kind aus dem versteckten Dorf (gebundenes Buch)

ISBN/EAN: 9783963620010
Sprache: Deutsch
Umfang: 490 S.
Format (T/L/B): 4.5 x 22 x 14.5 cm
Einband: gebundenes Buch
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Niederlande, 1943: Mentje de Vries ist 9 Jahre alt, als ihr Vater verhaftet wird, weil er Juden versteckt hat. Erst harrt sie allein auf dem väterlichen Bauernhof aus, doch als die Soldaten wiederkommen, weiß sie: Sie braucht Hilfe. Aber wem kann sie trauen? Der Einzige, der ihr einfällt, ist der Anwalt, der die jüdische Familie bei ihnen versteckt hat. Er bringt Mentje im 'Versteckten Dorf' unter, einer geheimen Ansammlung von Häusern im Wald, in der Juden unterstützt von Widerständlern den Krieg zu überleben hoffen. Mentje taucht ein in eine völlig fremde Welt, immer hoffend, dass ihr Vater wiederkommt. Als sie einem alliierten Soldaten das Leben rettet, ahnt sie nicht, dass dies für sie der Anfang eines wunderbaren Weges ist.
Irma Joubert ist Historikerin und lebt in Südafrika. Sie war 35 Jahre lang Lehrerin. Nach ihrer Pensionierung fing sie mit dem Schreiben an. Über ihre Heimat hinaus haben sich ihre Romane auch in den Niederlanden, den USA und in Deutschland zu Bestsellern entwickelt und sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden.
1. Kapitel Bosveld, Südafrika, 1933 Erbarmungslos brennt die Sonne vom wolkenlosen Himmel herab. Im Pferch wirbeln die Hufe der Kühe solche Wolken von Staub auf, dass die Gruppe von Menschen, die danebensteht, davon vollkommen eingehüllt wird. Die Stimme des Auktionators dröhnt über alles hinweg. Nirgendwo ist ein Grashalm zu entdecken. Wie eine Leiche liegt das kahl gefressene Land vor ihnen. Zum ersten Mal seit Menschengedenken ist auch der Wasserlauf völlig ausgetrocknet. Tinus presst seinen schmächtigen Rücken gegen die getünchte Mauer und drückt seine nackten Füße fest in den heißen Sand. Seine Augen sind auf den Pferch gerichtet, weg von den Feldern. Vor zwei Wochen ist er mit seinem Großvater das ganze Terrain noch einmal abgegangen - langsam, es hat einen ganzen Tag gedauert. Gegen Sonnenuntergang hat sein Opa gesagt: "Wir schaffen es einfach nicht mehr." Tinus hat es zunächst nicht verstanden. Jetzt schon. Die Beiwohner sitzen ein bisschen abseits: Der Mann ist in sich zusammengesunken und weint, neben ihm seine Frau mit ihrem plumpen Körper und ihrem einfältigen Gesicht. Auch sie weint. Ein Häufchen Elend. Tinus schaut in eine andere Richtung. Wenn die beiden bloß verschwinden würden! Wenn sie nur in ihr eigenes Haus gingen und dort blieben! Irgendwo im großen Haus ist Oma. "Dieser Tag heute wird mich noch umbringen", hat sie am frühen Morgen gesagt. Ihre Lippen sind dünn und bleich gewesen und ihre Stimme hat sich flach angehört. Nur Tinus und sein Großvater sind starrköpfig genug gewesen, um hinzugehen und zuzuschauen. Jetzt sitzt Opa in seinem glänzend gebügelten Sonntagsanzug neben ihm auf einem Küchenstuhl, die verloschene Pfeife in seinen groben Händen. Sein Hals ist abgemagert. Beinahe sieht er aus wie ein Erdmännchen. Der Auktionator wischt sich den Schweiß von seinem dicken Nacken und versteigert die ausgemergelten Kühe einfach alle en gros. "Warum bietet denn niemand?", erkundigt sich Tinus. Es kommt zu laut und zu schrill aus ihm heraus. Manchmal lässt ihn seine Stimme schon im Stich. "Keiner hat noch irgendwelche Weidegründe." Die Stimme seines Großvaters ist noch so kräftig wie immer. "Die Käufer warten einfach ab und dann kauft einer den ganzen Krempel für 'nen Appel und 'nen Ei." Um ein Uhr kommt Großmutter und bringt ihnen Kaffee und Brote. "Kommt doch rein. Es ist so heiß." "Nein, ich bleibe hier", antwortet Großvater. "Ich auch", erklärt Tinus. Sie laden die letzten Gegenstände auf den Wagen von Onkel Grootgert: Bettgestelle, Geschirr, Küchengeräte. Die Zelte. Den Küchentisch mit den vier Stühlen. Eine Wäschetrommel mit Kleidungsstücken und Bettwäsche, ganz oben darauf die Bibel. Jetzt schaut es so aus, als würden sie einfach nur für das Abendmahlswochenende ins Dorf fahren. Dann sieht Tinus sie kommen, vom anderen Ende des leeren Pferchs: die Beiwohner. Der Mann trägt einen verschlissenen Koffer in der einen und seinen Geigenkasten in der anderen Hand. Unter seinem Arm klemmt ein gerahmtes Bild. Die Frau balanciert ein Bündel Bettwäsche auf dem Kopf. Genau wie eine Waschfrau. "Kommen die auch mit?", will Tinus wissen. "Was hast du denn gedacht?", antwortet sein Großvater, während er den Gurt um das kupferne Bettgestell noch etwas strammer anzieht. Letzte Woche während der Versteigerung hat sich Tinus mehr als je zuvor für diese Menschen geschämt. Die ganze Zeit über hat er gefürchtet, dass dieser Schwachkopf von einem Beiwohner wieder einen von seinen Anfällen kriegen könnte. Er hat gemerkt, wie die Leute aus der Gegend geradezu darauf gelauert haben. Dafür waren sie also gekommen? Nicht um etwas zu kaufen. Sondern nur um zuzusehen, wie der stolze Martinus van Jaarsveld und seine hochmütige Frau vom Sockel gestürzt werden. Um mit eigenen Augen den Mann zu sehen, der manchmal schreiend durch die Gegend rennt. Den bekloppten Simon. Und um sich über den Jungen, der den Familiennamen trägt, das Maul zu zerreißen. Über ihn, Martinus Daniël. Am Eingangsgatter der Farm steig